Reifegradmodell-Themen

Die acht Dimensionen des Reifegradmodells bilden den Rahmen, um die digitale Reife eines Gesundheitsamtes strukturiert zu erfassen. In der Praxis greifen die Dimensionen und deren Kriterien häufig ineinander. Fortschritte in einer Dimension, etwa bei der IT-Bereitstellung, wirken sich direkt auf andere Dimensionen aus, z. B. auf Prozessdigitalisierung oder Software, Daten & Interoperabilität. Um diese Zusammenhänge nutzbar zu machen, wurden Reifegradmodell-Themen gebildet. Sie verbinden inhaltlich verwandte Kriterien aus verschiedenen Dimensionen und zeigen, wie Digitalisierungsmaßnahmen im Gesundheitsamt schrittweise ineinandergreifen.

Ziele und Nutzung der Reifegradmodell-Themen

Ein Reifegrad-Thema fasst Kriterien aus mehreren Dimensionen zusammen, die sich gegenseitig verstärken können. Mit Hilfe der Themen lassen sich Projekte strukturieren, Synergien erkennen und Maßnahmen gezielt kombinieren, z. B. wenn eine Digitalisierungsstrategie (DS) gemeinsam mit IT-Sicherheits- (IS) und Mitarbeitenden-Themen (MA) entwickelt wird. Aktuell liegen drei Reifegradthemen vor. Jedes Thema verbindet Kriterien aus mindestens zwei und bis fünf Dimensionen des Reifegradmodells. Die drei Themen wurden beispielhaft entwickelt, um die Möglichkeiten einer themenübergreifenden Betrachtung aufzuzeigen, und dienen als Ausgangspunkt, um weitere Reifegradthemen zu identifizieren. Wenn Sie Ideen für zusätzliche Themen haben, freuen wir uns über Ihre Rückmeldung in einer dafür entwickelten Umfrage.

Nach dieser allgemeinen Einführung folgen in den nachfolgenden Ausklappboxen die drei bereits definierten Reifegradthemen. Sie verdeutlichen exemplarisch, wie sich strategische, organisatorische und technische Maßnahmen im Gesundheitsamt zu einem ganzheitlichen Digitalisierungsprozess verbinden – beginnend mit der integrierten Digitalisierungsstrategie als Ausgangspunkt.

Integrierte Digitalisierungsstrategie für das Gesundheitsamt

Eine integrierte Digitalisierungsstrategie bildet den Ausgangspunkt jeder strukturierten digitalen Transformation im Gesundheitsamt. Sie schafft Orientierung, bündelt Verantwortlichkeiten und stellt sicher, dass technische, organisatorische und personelle Maßnahmen aufeinander abgestimmt sind. Das Thema gliedert sich in drei aufeinander aufbauende Gruppen:

  1. Strategie entwickeln,
  2. Strategie evaluieren,
  3. Strategie integrieren.

Die Abbildung 1 zeigt, wie diese Gruppen ineinandergreifen und gemeinsam die Grundlage für eine nachhaltige Reifegradsteigerung bilden.

Gruppe 1: Strategie entwickeln

Die Digitalisierungsstrategie definiert den Rahmen für alle weiteren Aktivitäten. Sie basiert auf einer klaren Zielsetzung und der Analyse des bestehenden sowie des angestrebten digitalen Reifegrads (DS.1.0.01, DS.1.0.02). Das Reifegradmodell dient dabei als Werkzeug und hilft, auf Basis des bestehenden digitalen Reifegrads Handlungsfelder und Prioritäten zu erkennen (DS.1.2.01). Liegt die Digitalisierungsstrategie schriftlich vor und ist für alle Mitarbeitenden zugänglich (DS.1.2.02), so schafft dies Transparenz und fördert die Beteiligung der Mitarbeitenden. Zugleich gewährleistet die Berücksichtigung der Vorgaben von Bund und Ländern (DS.1.1.01) die Rechtskonformität und Vergleichbarkeit zwischen Ämtern. Klare Verantwortlichkeiten (DS.2.0.01) sichern weiterhin die Umsetzung der Digitalisierungsstrategie. Diese Verantwortlichkeiten können intern oder extern verortet sein (DS.2.2.01) und erfordern spezifische Fachkenntnisse (DS.2.2.03). So entsteht ein stabiles Fundament, auf dessen Basis sowohl Maßnahmen zur Evaluation der Digitalisierungsstrategie (Gruppe 2) als auch Maßnahmen zur Umsetzung der Digitalisierungsstrategie (Gruppe 3) abgeleitet werden können.

Gruppe 2: Strategie evaluieren

Die regelmäßige Evaluation der Digitalisierungsstrategie (DS.1.2.03) stellt sicher, dass Fortschritte sichtbar werden und die Umsetzung der Strategie kontinuierlich verbessert wird. Durch eine jährliche Überprüfung können Abweichungen frühzeitig erkannt und Anpassungen gezielt vorgenommen werden. Organisationseinheitsübergreifende Treffen (DS.1.3.02) bieten den Rahmen, um Ergebnisse zu diskutieren, Prioritäten anzupassen und sicherzustellen, dass die Strategie weiterhin zu den aktuellen Anforderungen aller Bereiche passt. Diese interdisziplinäre Zusammenarbeit stärkt die Abstimmung zwischen den Abteilungen und ermöglicht eine koordinierte, zielgerichtete Weiterentwicklung der Strategie. So wird die Digitalisierungsstrategie zu einem lebendigen Steuerungsinstrument, das regelmäßig überprüft, angepasst und fortgeschrieben wird – anstatt ein einmalig erstelltes Dokument zu bleiben.

Gruppe 3: Strategie integrieren

Die frühzeitige Planung und Integration ergänzender Konzepte ist ein zentraler Baustein für eine wirksame Digitalisierungsstrategie. Insbesondere IT-Sicherheits- und Datenschutzkonzepte bilden die Grundlage für eine vertrauenswürdige und rechtssichere Digitalisierung. Ein IT-Sicherheitskonzept (IS.1.0.01) schützt digitale Prozesse und Daten vor potenziellen Bedrohungen und sichert die Integrität der IT-Infrastruktur. Die frühzeitige Erhebung des Ist-Zustands und der spezifischen Bedarfe reduziert dabei den Aufwand gegenüber einer nachträglichen Umsetzung. Ergänzend sorgt ein Datenschutzkonzept (SD.5.0.01) für die Einhaltung gesetzlicher Vorgaben und den Schutz sensibler Daten. Darüber hinaus schaffen ein IT-Ausstattungskonzept (IB.2.2.01) und ein Cloud-Konzept (IB.3.3.06) die technologische Basis für flexible und skalierbare Strukturen. Sie ermöglichen es, IT-Ressourcen effizient einzusetzen und zukünftige Anforderungen der digitalen Transformation frühzeitig zu berücksichtigen. So werden strategische, technische und rechtliche Aspekte zu einem integrierten Gesamtkonzept verbunden, das die Digitalisierungsstrategie nachhaltig absichert und weiterentwickelt.

Legende:

DS.X.Y.Z  Digitalisierungsstrategie
MA.X.Y.Z  Mitarbeitende
PD.X.Y.Z Prozessdigitalisierung
IB.X.Y.Z IT-Bereitstellung
IS.X.Y.Z IT-Sicherheit
BZ.X.Y.Z BügerInnenzentrierung
ZA.X.Y.Z Zusammenarbeit
SD.X.Y.Z Software, Daten, Interoperabilität

X: Nummer der Subdimension
Y: Stufe innerhalb der Subdimension
Z: Nummer des Kriteriums innerhalb der Stufe und Subdimension

Effektive Umsetzung von Digitalisierungsmaßnahmen in Gesundheitsämtern

Die effektive Umsetzung von Digitalisierungsmaßnahmen ist ein zentraler Schritt auf dem Weg zu einem digital handlungsfähigen Gesundheitsamt. Dieses Reifegrad-Thema zeigt, wie Strategien in konkrete Maßnahmen übersetzt, Verantwortlichkeiten festgelegt und Ressourcen gezielt eingesetzt werden. Im Mittelpunkt dieses Themas stehen drei miteinander verknüpfte Schwerpunkte:

  1. Bedarfe identifizieren sowie Verantwortlichkeiten und Maßnahmen festlegen,
  2. Maßnahmen durchführen, evaluieren und nachsteuern,
  3. Mitarbeitende aktiv beteiligen.

Gemeinsam bilden diese Schwerpunkte die Grundlage für eine koordinierte und nachhaltige Umsetzung der Digitalisierungsstrategie – von der Planung über die Steuerung bis zur kontinuierlichen Verbesserung. Die in Abbildung 2 dargestellte Struktur verdeutlicht die Zusammenhänge zwischen den Gruppen und zeigt, wie strategische Ziele Schritt für Schritt in die Praxis überführt werden. 

Gruppe 1: Bedarfe identifizieren sowie Verantwortlichkeiten und Maßnahmen festlegen

Die Grundlage für eine erfolgreiche Umsetzung von Digitalisierungsmaßnahmen ist die systematische Identifikation von Bedarfen in den verschiedenen Organisationseinheiten. Auf dieser Basis werden konkrete Digitalisierungsmaßnahmen abgeleitet und beschrieben (DS.2.1.01). Diese Rolle kann sowohl intern als auch extern besetzt werden, um vorhandenes Fachwissen und zusätzliche Ressourcen gezielt zu nutzen. Klare Zuständigkeiten schaffen Transparenz und erleichtern die Steuerung der Projekte.
Gleichzeitig stärkt die aktive Beteiligung der Mitarbeitenden (DS.2.1.02) den Erfolg der Maßnahmen. Wenn Mitarbeitende eigene Ideen und Vorschläge bei den Digitalisierungsverantwortlichen einbringen können (MA.2.3.01), erhöht das ihre Motivation und Identifikation mit dem Vorhaben. So entsteht ein kooperatives Arbeitsumfeld, in dem Fachwissen gebündelt, Verantwortung geteilt und Innovation gefördert wird.

Gruppe 2: Maßnahmen durchführen, evaluieren und nachsteuern

Die Planung und Ableitung von Digitalisierungsmaßnahmen auf Basis der Digitalisierungsstrategie (DS.1.2.04, DS.1.3.01) ermöglicht es, die individuellen Bedürfnisse und Anforderungen verschiedener Organisationseinheiten zu berücksichtigen. Durch die Festlegung von kurz-, mittel- und langfristigen Zielen kann eine effektive Ressourcenverteilung erfolgen. Die Definition von Budget und Personal pro Maßnahme (DS.3.0.01) sowie die regelmäßige Anpassung des Digitalisierungsbudgets (DS.3.3.01) sind notwendig, um finanzielle und personelle Umsetzbarkeit sicherzustellen. Dabei erlauben regelmäßig durchgeführte Evaluierungen (DS.1.3.04), dass Hindernisse frühzeitig erkannt und die Maßnahmen entsprechend angepasst werden, um die Umsetzung der Digitalisierungsstrategie kontinuierlich zu optimieren.

Gruppe 3: itarbeitende aktiv beteiligen

Die frühzeitige Information und Einbindung der Mitarbeitenden in relevante Digitalisierungsmaßnahmen (MA.2.1.03) ist entscheidend, um Akzeptanz, Kompetenz und organisatorische Verankerung zu sichern. Die aktive Beteiligung der Mitarbeitenden (MA.2.2.01) an der Definition der Strategie, der Entwicklung neuer Prozesse, sowie der Schulung zu aktuellen Digitalisierungsmaßnahmen (MA.2.2.02) trägt zu besseren Ergebnissen und einer höheren Zufriedenheit bei. Durch die Einbindung verschiedener Mitarbeitendengruppen (MA.2.1.04) werden verschiedene Perspektiven und Bedürfnisse berücksichtigt, was zu inklusiveren und nutzerfreundlicheren Digitalisierungslösungen führt. Die Kombination dieser Ansätze sorgt dafür, dass die Digitalisierungsmaßnahmen effektiv, nachhaltig und mit breiter Unterstützung umgesetzt werden.

Legende:

DS.X.Y.Z  Digitalisierungsstrategie
MA.X.Y.Z Mitarbeitende
PD.X.Y.Z Prozessdigitalisierung
IB.X.Y.Z IT-Bereitstellung
IS.X.Y.Z IT-Sicherheit
BZ.X.Y.Z BügerInnenzentrierung
ZA.X.Y.Z Zusammenarbeit
SD.X.Y.Z Software, Daten, Interoperabilität

X: Nummer der Subdimension
Y: Stufe innerhalb der Subdimension
Z: Nummer des Kriteriums innerhalb der Stufe und Subdimension

Effiziente Integration und Optimierung von IT-Systemen entlang der Geschäftsprozesse

Dieses Reifegradmodell-Thema beschreibt die Entwicklung, Implementierung und kontinuierliche Verbesserung von Schnittstellen zwischen Fachanwendungen, um eine effektive Vernetzung und Datenintegration zu erreichen. Es beginnt mit der Einführung grundlegender technischer Schnittstellen und entwickelt sich weiter zu einer (teil-)automatisierten Datenübertragung unter Einhaltung technischer und semantischer Standards. Die Maßnahmen betonen die Bedeutung einer integrierten, prozessorientierten Betrachtung von IT-Systemen und Geschäftsprozessen. Nur wenn technische Lösungen mit fachlichen Anforderungen verzahnt sind, können sie ihre Wirkung voll entfalten. Ziel ist es, die Systemauswahl und -integration systematisch zu gestalten,  um Effizienz, Datenqualität und Interoperabilität – sowohl innerhalb des Gesundheitsamtes als auch im  institutionsübergreifenden Austausch - zu maximieren (siehe Abbildung 3).

Gruppe 1: Schnittstellen implementieren und optimieren

Die Implementierung von Schnittstellen (SD.2.0.01) und Einführung von standardisierten Datenformaten und Spezifikationen zwischen verschiedenen Fachanwendungen bildet den Grundstein für ein vernetztes IT-Ökosystem. Diese Integration vereinfacht die Datenflüsse, reduziert manuelle Eingaben und minimiert Fehler. Bestehende Schnittstellen (SD.2.1.01) sollten regelmäßig überprüft und gezielt optimiert werden, um die Datenkommunikation vollständig auszuschöpfen und die Effizienz der Prozesse weiter zu steigern. Wenn alle Geschäftsprozesse durch Fachanwendungen unterstützt werden (SD.1.3.02), entsteht eine weitgehend automatisierte Arbeitsweise.

Gruppe 2: Interoperabilität sichern

Die kontinuierliche Anpassung der Schnittstellen an aktuelle technische Standards (SD.2.4.01) stellt sicher, dass Systeme auf dem neuesten Stand bleiben und interoperabel bleiben. So wird langfristige Sicherheit und Effizienz im Datenaustausch zwischen verschiedenen Systemen gewährleistet. Die Einhaltung empfohlener Standards und Leitfäden (ZA.3.2.02) – etwa der Gematik– ist eine zentrale Voraussetzung für die Integration heterogener IT-Systeme und eine reibungslos funktionierende Kommunikation.

Gruppe 3: Daten vernetzen und austauschen

Die (teil-)automatisierte Datenübertragung über standardisierte Schnittstellen (SD.2.2.01) ist ein zentraler Erfolgsfaktor für eine effiziente und fehlerfreie Datenverarbeitung. Automatisierter Prozesse reduzieren manuelle Eingaben, minimieren Fehlerquellen und beschleunigen den Datentransfer. Zudem erleichtert der institutionsübergreifende Austausch von Daten (SD.2.2.02) – beispielsweise im Bereich des Infektionsschutzes – eine reaktionsschnelle und koordinierte Zusammenarbeit zwischen Institutionen.

Gruppe 4: Systemlandschaft weiterentwickeln

Die Integration von Geschäftsprozessen und IT-Anwendungen (SD.1.3.03) wird fortlaufend optimiert, um Synergien zwischen den fachlichen Abläufen und den unterstützenden Technologien zu schaffen. Dazu werden kontinuierlich neue Funktionalitäten und bewährte Best Practices integriert, um die Effizienz der Prozesse und Systeme zu maximieren. Die systematische Auswahl von geeigneter Fachanwendungen (SD.4.2.01), basierend auf einer fundierten Analyse der bestehenden Prozesse, hilft, Ineffizienzen zu verringern und die IT-Systeme passgenau auf die Geschäftsziele auszurichten.

Legende:

DS.X.Y.Z Digitalisierungsstrategie
MA.X.Y.Z Mitarbeitende
PD.X.Y.Z Prozessdigitalisierung
IB.X.Y.Z IT-Bereitstellung
IS.X.Y.Z IT-Sicherheit
BZ.X.Y.Z BügerInnenzentrierung
ZA.X.Y.Z Zusammenarbeit
SD.X.Y.Z Software, Daten, Interoperabilität

X: Nummer der Subdimension
Y: Stufe innerhalb der Subdimension
Z: Nummer des Kriteriums innerhalb der Stufe und Subdimension